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Die Bergpredigt

Die Bergpredigt, die Seligpreisungen, die Antithesen, die „goldene Regel“: Das sind Worte Jesu, die wir in der Bibel finden. Es sind wichtige Worte direkt zu Beginn seiner Tätigkeiten und so etwas wie seine Visitenkarte: Jesus von Nazareth, Experte für Gottes Gerechtigkeit und damit für das Reich Gottes.

Allgemeines

Die Bergpredigt (Matthäus 5-7,) bildet eine Sammlung von zentralen Worten Jesu. Sie enthält u. a. die Seligpreisungen (auch bei Lukas 6,20-49: „Feldrede“), die Antithesen, das Vaterunser, das Gebot der Feindesliebe sowie die „Goldene Regel“ („Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“, Mt 7,12). Jesus hielt diese Rede am Ufer des Sees Genezareth auf einem Hügel. Von einem Berg zu sprechen, hat mehr symbolischen Charakter. Dabei wird eine Parallele zur Übergabe der Gesetzestafeln mit den Zehn Geboten am Berg Sinai an Mose gezogen.

Es war sicherlich nicht eine komplette Rede. Matthäus hat sie an den Anfang seines Evangeliums platziert und aus verschiedenen Reden zusammengestellt. Somit ist sie eine Art Visitenkarte Jesu. Anschließend „ging´s los“ – Jesus erzählte Gleichnisse über das Reich Gottes, Jesus heilte, diskutierte und handelte. Die Bergpredigt ist das beste Portrait Jesu, über das wir verfügen, sein authentisches Selbstbild, das er uns hinterlassen hat. Sie leitet dazu an, in den Gesichtern der Menschen, vor allem der Armen und Gedemütigten, das Gesicht Jesu zu erkennen. Darin liegt die theologische und spirituelle Aussagekraft der Bergpredigt, die ihr unter allen biblischen Texten eine einzigartige Bedeutung gibt für alle, die Jesus auf dem Weg des Christseins folgen wollen.

„Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Diese Aufforderung lässt nichts an Klarheit vermissen und fasst zusammen, was die Bergpredigt den Menschen abverlangt: Position zu beziehen und sich nicht hinter einem unentschiedenen Sowohl-als-auch zu verstecken. In dieser Unbedingtheit ist die Bergpredigt der Kern aller christlichen Ethik und blickt auf eine lange Wirkungsgeschichte zurück. Sie ist ein Aufbegehren gegen unsere Welt und gleichzeitig ein Blick auf die Welt, wie sie ist. Sie nennt die Nöte der Menschen beim Namen und klagt Gerechtigkeit ein. Sie ist unzweifelhaft eines der bedeutendsten Zeugnisse der abendländischen Kultur, obwohl ihre Verheißungen aller menschlichen Erfahrung widersprechen. Sie ist Zuspruch und Widerspruch in einem. Eine Utopie, die tief im Wesen des Menschen verankerte Bedürfnisse anspricht und deshalb bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat – im Gegensatz zu mancher politischen Utopie, die mit dem Versuch, sie in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übertragen, gescheitert ist.

Das Grundgebet der Christenheit im zweiten Teil der Bergpredigt macht klar, dass es mit der irdischen Gerechtigkeit nicht getan ist, dass es ein Gegenüber gibt, das Hoffnung und Erlösung verheißt. Daraus bezieht die christliche Forderung, die Well zu verändern, ihre Legitimation – eine Verbindung zwischen dem Noch-nicht-Sein einer Utopie und dem Hier und heute-Sein einer ethischen Handlungsanweisung.

 

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Die Bergpredigt bei Matthäus

Der Aufbau der Bergpredigt

1. Der Rahmen Mt 4,25 - 5,2

 

2. Einleitung: Mt 5,3 - 16

2.1 Die Seligpreisungen Mt 5,3 - 12

2.2 Die Bedeutung der Zuhörer für die Welt Mt 5,13 - 16

2.2.1 Ihr seid das Salz der Erde

2.2.2 Ihr seid das Licht der Erde

 

3. Hauptteil: Die wahre Gerechtigkeit Mt 5,17 - 7,12

3.1 Die Bedeutung des Gesetzes Mt 5,17 - 20

3.2 provokative Antithesen: Mt 5,21 - 48

3.2.1 Vom Töten und der Versöhnung Mt 5,21 - 26

3.2.2 Vom Ehebruch Mt 5,27 - 30

3.2.3 Von der Ehescheidung Mt 5,31 - 32

3.2.4 Vom Schwören Mt 5,33 - 37

3.2.5 Von der Vergeltung Mt 5,38 - 42

3.2.6 Von der Feindesliebe Mt 5,43 - 48

 

3.3 Die Frömmigkeit: Mt 6,1 - 18

3.3.1 Vom Almosengeben Mt 6,1 - 4

3.3.2 Vom Beten: DAS VATERUNSER Mt 6,5 - 15

3.3.3 Vom Fasten Mt 6,16 - 18

 

3.4 Das richtige Verhältnis zur Welt: Mt 6,19 - 7,11

3.4.1 Besitzlosigkeit Mt 6,19 - 24

3.4.2 Sorglosigkeit Mt 6,25 - 34

3.4.3 Vom Richten Mt 7,1 - 5

3.4.4 Von der Entweihung des Heiligen Mt 7,6

3.4.5 Vertrauen beim Beten Mt 7,7 - 11

 

3.5 Die goldene Regel Mt 7,12

 

4. Schluss: Aufforderungen Mt 7,13 - 27

4.1 Von den zwei Wegen Mt 7,13 - 14

4.2 Warnung vor falschen Propheten Mt 7,15 - 20

4.3 Wahre und falsche Jünger Mt 7,21 - 23

4.4 Vom Haus auf den Felsen Mt 7,24 - 27

 

5. Der Rahmen Mt 7,28 - 8,1

 

 

Lutherübersetzung der Bergpredigt

Die Seligpreisungen

5:1 Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm.

5:2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

5:3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

5:4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

5:5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.

5:6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

5:7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.

5:8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.

5:9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.

5:10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

5:11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

5:12 Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel reichlich belohnt werden. Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.

 

Salz und Licht

5:13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.

5:14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

5:15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

5:16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

 

Jesu Stellung zum Gesetz

5:17 Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

5:18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht.

5:19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich.

5:20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.

 

Vom Töten

5:21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten“; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.

5:22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.

5:23 Darum: wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat,

5:24 so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe.

5:25 Vertrage dich mit deinem Gegner sogleich, solange du noch mit ihm auf dem Weg bist, damit dich der Gegner nicht dem Richter überantworte und der Richter dem Gerichtsdiener und du ins Gefängnis geworfen werdest.

5:26 Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Pfennig bezahlt hast.

 

Vom Ehebrechen

5:27 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen.“

5:28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.

5:29 Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf's von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.

5:30 Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.

5:31 Es ist auch gesagt: „Wer sich von seiner Frau scheidet, der soll ihr einen Scheidebrief geben.“

5:32 Ich aber sage euch: Wer sich von seiner Frau scheidet, es sei denn wegen Ehebruchs, der macht, dass sie die Ehe bricht; und wer eine Geschiedene heiratet, der bricht die Ehe.

 

Vom Schwören

5:33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: „Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deinen Eid halten.“

5:34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;

5:35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.

5:36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.

5:37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.

 

Vom Vergelten

5:38 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

5:39 Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.

5:40 Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.

5:41 Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.

5:42 Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.

 

Von der Feindesliebe

5:43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ”Du sollst deinen Nächsten lieben“ und deinen Feind hassen.

5:44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen,

5:45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.

5:46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?

5:47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden?

5:48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

 

Kapitel 6

Vom Almosengeben

6:1 Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.

6:2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6:3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,

6:4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

 

Vom Beten, Das Vaterunser

6:5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6:6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

6:7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

6:8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

6:9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt.

6:10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

6:11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

6:12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

6:13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [ Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

6:14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.

6:15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

Vom Fasten

6:16 Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6:17 Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht,

6:18 damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

 

Vom Schätzesammeln und Sorgen

6:19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.

6:20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.

6:21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

6:22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.

6:23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!

6:24 Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

6:25 Darum sage ich euch: Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

6:26 Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

6:27 Wer ist unter euch, der seines Lebens Länge eine Spanne zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

6:28 Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

6:29 Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

6:30 Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

6:31 Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

6:32 Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

6:33 Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.

6:34 Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.


Kapitel 7

Vom Richtgeist

7:1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

7:2 Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

7:3 Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?

7:4 Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge.

7:5 Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

7:6 Ihr sollt das Heilige nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, damit die sie nicht zertreten mit ihren Füßen und sich umwenden und euch zerreißen.

 

Von der Gebetserhöhung

7:7 Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

7:8 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

7:9 Wer ist unter euch Menschen, der seinem Sohn, wenn er ihn bittet um Brot, einen Stein biete?

7:10 oder, wenn er ihn bittet um einen Fisch, eine Schlange biete?

7:11 Wenn nun ihr, die ihr doch böse seid, dennoch euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten!

 

Vom Tun des göttlichen Willens

7:12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.

7:13 Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind's, die auf ihm hineingehen.

7:14 Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind's, die ihn finden!

7:15 Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.

7:16 An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?

7:17 So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte.

7:18 Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.

7:19 Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

7:20 Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

7:21 Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

7:22 Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan?

7:23 Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!

 

Vom Hausbau

7:24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute.

7:25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.

7:26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute.

7:27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.

7:28 Und es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre;

7:29 denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

 

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Elemente der Bergpredigt

Eine wichtige Vorbemerkung zur „Lesart“ der Bergpredigt, aber eigentlich der ganzen Bibel: Es geht von der ersten bis zur letzten Seite um Beziehung. Es geht immer um die Beziehung Gottes zu den Menschen, der Menschen zu Gott, der Menschen zueinander und zu sich selbst. Der Mensch erkennt sich nicht im Kreis mit einem einzigen Mittelpunkt, sondern in einer Ellipse. Ich bin ich selbst nicht für mich, nicht allein; sondern ich bin, der ich bin, in der Beziehung – in Beziehung zum anderen Brennpunkt, einem mir gegenüber. Und dieser andere Brennpunkt ist Gott und sind die Mitmenschen. Alles kommt darauf an, dass diese Beziehung gelingt, dass es richtige, den anderen gerecht werdende Beziehungen sind.

In diesem Kontext ist die Bergpredigt zu lesen und zu verstehen. Jesus antwortet auf die Frage nach dem höchsten Gebot mit dem Verweis auf die Beziehung: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37 ff.). Beide Sätze stehen schon in der Hebräischen Bibel (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18)[1]

Der Mensch soll letztlich am Schalom teilhaben, am konkreten Frieden. Die Ansprüche der Gemeinschaft werden bedacht und erfüllt: Gerechtigkeit, die sehende, die mit den Augen der Empathie und Mit-Leidenschaft die Welt anschaut, die sieht, wo es fehlt. Jesus spricht vom Reich Gottes bzw. vom Himmelreich. Wohl euch, die ihr hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, nach den gerechten, richtigen Beziehungen zu Gott und zu den Menschen. Ihr werdet satt werden. Ihr findet das Glück.

 

Die Seligpreisungen

In den Seligpreisungen erklingen die Leitmotive der ganzen Rede. Auf die Ausrufung „Selig“ folgt jeweils die Angabe der Menschen, Gruppen (Arme, Menschen mit bestimmten Haltungen und Verhalten bei Matthäus), denen das Selig gilt. Im zweiten Satz wird die Begründung genannt: das Gottesreich oder wie es Matthäus sagt: das Himmelreich.

Selig ist ein Grundwort des Orients, das den Menschen bezeichnet, dessen Dasein gelingt. Hier wird also der Mensch seliggesprochen, dem es aufgrund seiner Frömmigkeit gut geht. „Selig“ ist die Übersetzung von Martin Luther. Heute würde man wahrscheinlich eher „wohl denen“ übersetzen. Die acht Sätze der Seligpreisungen kann man auf verschiedene Weise lesen:

  • als geheime Erfüllung des Wesens Gottes: Wer versteht, welcher Geist in diesen Sätzen lebt, hat etwas vom Wesen und Handeln Gottes erkannt. Und kann dadurch froh und glücklich werden.
  • als Lob: Jesus sagt: „Unter euch gibt es viele, die so leben. Ich freue mich über euch und für euch, ihr habt das Reich Gottes schon ergriffen, ihr seid Teil davon.“
  • als Hoffnung und Weisung: „In Trauer, Angst, Hunger und Sehnsucht, wisst: einmal wird es anders sein! Ich stelle euch Wegweiser auf für euren Lebensweg. Wenn ihr ihnen folgt, werdet ihr den Weg zu Gott finden. Das wird euer Glück sein.“

Armut bedeutet, dass einem etwas Wesentliches/Lebenswichtiges fehlt. Sie ist immer mit Überleben beschäftigt. Aber „arm“ gilt hier auch allen Menschen. Denn in der Bergpredigt geht es nicht nur um die materielle Armut, es geht vielmehr um die Erkenntnis, dass der Mensch mehr braucht zum Überleben als nur das tägliche Brot, um das Christen im Vaterunser bitten. Wir genügen nicht uns selbst. Wir bleiben bedürftig. Wir brauchen Liebe, Zuwendung, Mitleid, Hilfe. Glücklich, wenn wir uns zeitlebens eine Haltung der Demut erhalten und den besserwisserischen Hochmut überwinden. Nur wer nicht alles „hat“, bleibt offen für Gottes Unvorhersehbarkeiten.

 

die Trauernden

Neben dem Tod gehört hier auch all das Leid, das das Leben bereit hält: harte Lebensbedingungen, Trennungen, Abschiede, Scheidungen, Misslingen, Angst usw. Viele wollen dem Leid ausweichen, das Leid nicht tragen, sondern es vergessen machen.

Trost im biblischen Sinn bedeutet: Helfen, die Kraft zu erneuern, die beim Trauern verloren geht. Und da gibt es vieles, was möglich ist, vieles, was man sich einfallen lassen kann: Vom Zuhören über einen schönen Spaziergang, ein schönes Essen. Alles, was dem Menschen Kraft gibt, keine spezielle Kraft, einfach Kraft: Da(bei) sein in der Situation des Leidens, dabeibleiben, Dinge miteinander durchzustehen.

 

Die Sanftmütigen sind diejenigen, die gewaltlos Methoden für den schalom erarbeiten; das ist im Kern das Prinzip der gewaltlosen Verweigerung der Zusammenarbeit mit den (gewaltigen) Machthabern. Sie haben ihre Wurzeln in der Liebe. Das deutsche Wort „Sanftmut“ weiß noch etwas von dem Mut, den es braucht, wenn man „sanft“ leben will, nämlich ohne andere Menschen oder das zerbrechliche Gleichgewicht der Schöpfung zu zerstören.

Das Land besitzen bedeutete für Nomaden damals die Voraussetzung für ein sesshaftes Leben; es war Lebensquelle. Ein kleines Volk, das umgeben war von großen militärischen Mächten wie Israel in seiner Geschichte, sehnte sich nach nichts mehr als nach sicheren Grenzen, nach dem eigenen Weinstock und Feigenbaum, unter dem man ohne Schrecken sitzen kann.

 

die nach Gerechtigkeit hungern

Diese Seligpreisung spricht von der Gerechtigkeit, von dem ungestillten Hunger nach besseren Beziehungen als den vorhandenen. Jesus gibt Hoffnung: „Ihr, die ihr diesen Hunger noch habt, dieses drängende ´Beschaffungs­energie`, die euch noch nicht hat resignieren lassen, ihr sollt wissen: Einmal werdet ihr satt werden, rundum, ganz und gar.“

 

die Barmherzigen

Im Wortstamm des hebräischen Wortes für Barmherzigkeit steckt das Wort „Mutterschoß“, das Urbild für die Barmherzigkeit: Das ungeborene Kind im Mutterleib bekommt, was es braucht, und zwar umsonst: Nahrung, Wärme, Schutz, Beziehung.

Barmherzigkeit kann nur aus der Haltung tiefster Solidarität geschehen, wenn sie nicht einen falschen Beigeschmack bekommen soll. Weil ich mir eingestehe, bedürftig zu sein – an Liebe, an Brot, an Anerkennung, an Gemeinschaft, an Schönheit, an Zuwendung; danach, dass mir jemand „gerecht wird“ – sehe ich die Bedürftigkeit anderer. Die Konsequenz der eigenen Barmherzigkeit ist, Barmherzigkeit zu empfangen. Das ist die Logik der Liebe.

 

die reinen Herzens sind – sie werden Gott schauen

Was ist befreiender als jemandem direkt und unverstellt in die Augen schauen zu können? Wenn man etwas zu verbergen hat, gelingt es einem kaum.

Man denkt beim Wort „rein“ an einen Menschen, der oder die arglos ist, nicht berechnend, wahrhaftig, aufrichtig, ohne Doppeldeutigkeit und ohne Hintergedanken. Aber auch an rein im Sinne von gereinigt, geläutert, die Schuld abgelegt, befreit.

Gott sehen heißt, die ganze Fülle des guten, gerechten Lebens schauen, sie spüren, ersehnen, glauben, geben nicht auf: das reine Recht, die gerechten Beziehungen. Das meint Jesus mit: „Ich bin der Weg.“

 

die Friedfertigen

Martin Luther übersetzt diese Stelle in passiver Weise: „Friedfertige“. Im griechischen Text steht aber ein aktives Wort: die, die Frieden schaffen, machen, stiften, bringen. Frieden erfordert auf jeden Fall Arbeit, egal ob Friedensbewegung oder am Küchentisch, wo täglich Konflikte geschlichtet werden.

Genau so wichtig aber ist es, die Ursachen der Konflikte zu erkennen und sie rechtzeitig zu beseitigen. Frieden hat ganz viel zu tun mit der Anerkennung von berechtigten Anliegen. Es geht darum, Situationen und Menschen gerecht zu werden.

Ein eigenes persönliches Friedenspotential zu haben, ist sicher eine wichtige Voraussetzung dafür, anderen Friedensgedanken nahe zu bringen. Manchmal ist es aber auch nötig, sich unbeliebt zu machen, weil Dinge auf den Tisch gebracht werden (müssen), die eine harmonische Ruhe stören. Aber eben: den Schein stören. Konfliktunfähigkeit ist gerade unter Christen ziemlich weit verbreitet, weil man doch eigentlich „friedfertig“ sein möchte. Dadurch entstehen oft noch größere Konflikte. Sich der Sache Gottes verbunden wissen, einen schwelenden Konflikt in Gottes Hand legen können und damit den Geist der Rastlosigkeit und des Unfriedens loswerden. Man kann es versuchen.

 

die um der Gerechtigkeit willen beschimpft und verfolgt werden

Die achte Seligpreisung zeigt: Es reicht nicht, Antworten auf die eigenen Lebensfragen gefunden zu haben. Es geht darum, den richtigen Beziehungen zu Gott und den Menschen Geltung zu verschaffen. Wenn die Bergpredigt auch unsere Visitenkarte werden soll, müssen wir Farbe bekennen; der Lohn ist der Himmel; der Lohn ist, dass wir den Lebenssinn gefunden haben.

 

Zusammenfassung

Die acht Seligpreisungen sind eine einzige große Bekräftigung. Gottes Interesse gilt der Heilung der Menschen an Leib und Seele: Sie werden gelobt, getröstet, verlockt, gestärkt. Sie sind eine Einladung zu einem Lebensweg, auf dem Glück, Erfüllung, Gewissheit in der Nähe Gottes zu finden sind. Nicht versprochen wird, dass dieser Weg einfach sei, schmerzfrei oder dass er öffentliche Anerkennung bringe.

[1] vgl. Wartenberg-Potter, S. 24f.

 

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Weitere Bestandteile der Bergpredigt

Salz und Licht

Die Bedeutung der Zuhörer für die Welt Mt 5,13 - 16

Ihr seid das Salz der Erde

Ihr seid das Licht der Erde

Wenn Jesus zu seinen Nachfolgern sagt: „Ihr seid das Salz der Erde“ und „Ihr seid das Licht der Welt“, wird an das lateinische Sprichwort erinnert: „Nichts ist nützlicher als Salz und Sonne.“ In unserer Zeit, in der man Salz und Feuer schnell, einfach und billig gewinnen kann, hat man den Sinn dafür verloren, dass es sich einst bei Salz und Licht um Kostbarkeiten handelte. Die Geschichte lehrt uns, dass Städte wie zum Beispiel Regensburg, die an einer Salzstraße lagen, im Mittelalter zu den reichsten Städten gehörten. Die Salzwaagen waren Präzisionsinstrumente, denn das Salz war kostbar und teuer. Salz ist lebensnotwendig für Mensch und Tier und ein gut mit Salz gewürztes Essen schmeckt fast allen besser als ein ungesalzenes.

Wenn Jesus uns einschärfte, dass wir das Salz der Erde sind, wollte er damit sagen, dass wir für die Welt wichtig, ja geradezu lebensnotwendig sind. Salz als Metapher für die Nachfolge Jesu. Neben dem Würzigen steckt auch die Schärfe in diesem Bild, so wie Propheten mit scharfer Klarsicht gesprochen haben. Ihr scharfes Wort soll Umkehr und Neuanfang möglich machen.

Salz der Erde zu sein bedeutet, nicht nur die Kirche, nicht das Bewusstsein der Gläubigen erfüllen, es geht um die Erde, um die Menschen, um alle und alles. Wie aber der Erde gerecht werden. Salz wird hineingemengt, verschwendet sich selbst und löst sich (im Ganzen) auf. Wir sollen uns als Christen also nicht uns selbst überlassen, sondern uns einmischen. Das heißt, die Kirche und die einzelnen Christen dürfen sich in keiner Weise aus der öffentlichen Verantwortung zurückziehen. Das erwartet Gott geradezu von uns.

 

Licht bedeutet strahlen, leuchten, wärmen, begeistern. An Weihnachten umleuchtet die Klarheit Gottes die Hirten auf dem Feld; die Ostersonne erhellt das leere Grab, das Pfingstfeuer entzündet die begeisterte Menge in Jerusalem. Der helle Schein strahlt wieder von den Herzen der Christen hinaus. Ihre Bestimmung ist es, dies Licht sehen zu lassen, Finsternisse zu erhellen und Menschenherzen zu erwärmen. Jesus sagt nicht: Ihr habt das Licht, sondern ihr seid das Licht. Zeigt es, entzündet andere, werdet sichtbar, erwärmt die Menschenherzen unterscheidbar in der Welt. Nicht wir sollen gesehen werden, aber Gottes gerechte Liebe zur Welt. Biblische Gerechtigkeit ist Liebe mit sehenden Augen. In einem Segenswort heißt es: „Gott entzünde in euch das Feuer seiner Liebe.“ und: „Nur wer selber brennt, kann andere entzünden.“

 


Die Antithesen

Matthäus will mit seinem Vorspann zeigen, dass Jesus das überlieferte Gesetz nicht aufheben will, sondern es erfüllen möchte. Die neue Mission ist die alte. Die Wegweisung des Dekalogs, die zu Freiheit und Eigenverantwortung rufen sollte, war seit der Spätzeit des Alten Testaments zu einer Fülle an Einzelbestimmungen angewachsen, die das tägliche Leben und Verhalten des frommen Juden bis ins Detail regelten. Dieser Fundamentalismus antwortet auf das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit. Es scheint das Leben einfacher zu machen. Es ist jedoch ein Gehorsam ohne eigene Verantwortung.

Wo Jesus sich auf eine Dekalogweisung bezieht, verinnerlicht und radikalisiert er sie gegenüber der Auslegung jüdischer Schriftgelehrsamkeit. Damit wendet sich Jesus also nicht gegen den im Alten Testament bezeugten Willen Gottes, sondern gegen die Auslegung, die er im Judentum seiner Zeit gefunden hat.

Die Antithesen (wörtlich Entgegensetzungen) sind regelmäßig aufgebaut. Zunächst wird ein Gebot des Dekalogs oder eine andere alttestamentlich-jüdische Weisung genannt. (Die Forderung, den Feind zu hassen ist in dieser Schärfe nicht im Alten Testament, sondern in der Sekte von Qumran belegt.) Das zweite Glied bringt in scharfer Entgegensetzung Jesu neue Weisung. Die Wendung „Ich aber sage euch“ war zur Zeit Jesu in Streitgesprächen zwischen jüdischen Schriftgelehrten üblich. Heute würden wir wahrscheinlich „Jetzt sage ich euch das heute so ...“ übersetzen. Die bessere Gerechtigkeit versteht die Weisungen tiefer und folgenreicher.

Jesus ist nicht Utopist, noch weniger brutal – aber ein Mann des Alten Orients, der auch die Sprache seiner Zeit spricht. In prophetischer Klarheit, mit dem Mut zu drastischen Ausdrucksweisen ruft er zum Schutz des Lebens auf. „Ich aber sage euch“ – nicht von außen übt Jesus Kritik. Noch weniger will er die Tradition seines Volkes zerstören. Er ist und bleibt glaubender Jude. In der Treue zu seinem Volk und aus einer besonderen Beziehung zum Gott seines Volkes entlarvt Jesus Fehlentwicklungen. In seinem Leben sind die vielen Worte und Taten eins. Alles kreist um das Wirken Gottes, das in ihm geschieht. In seiner klaren Ausrichtung auf das Eine, Gott und das gelungene Leben des Menschen, erfüllt sich Menschsein im Geist der Bergpredigt.

 

Vom Töten und der Versöhnung Mt 5,21 - 26

Töten zerstört die Beziehung endgültig. „Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner“, ermahnt uns Jesus, „solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist.“ Auch wenn uns unser Mitmensch noch so unsympathisch ist, sollen wir ihn nicht mit einem Almosen, also einer herablassenden Geste, abspeisen, sondern uns mit ihm versöhnen. Die Pflicht zur unbedingten Versöhnungsbereitschaft erschöpft sich nicht in einzelnen Taten der Barmherzigkeit oder der Hilfeleistung, sondern erfordert unsere ganze Hinwendung zum anderen Menschen. Die Versöhnung ist die beste Gabe an Gott. Denn sie allein heilt das Leben.

 

Vom Ehebruch und Scheidung Mt 5,27 - 32

In seiner Erläuterung zum 6. Gebot „Du sollst nicht die Ehe brechen“, geht Jesus von der damaligen patriarchalischen Situation des Judentums aus. Dort nahm der Mann ein Mädchen zur Frau und konnte sie unter bestimmten Bedingungen, die nach unserem Empfinden sehr vordergründig sein konnten, wie etwa, dass seine Frau das Essen hatte anbrennen lassen, wieder aus der von ihm geschlossenen Ehe entlassen. Die Frau durfte dann allerdings vom Mann einen sogenannten „Scheidebrief“ fordern, der ihr wieder ihre Selbständigkeit zurückgab, die sie durch die Eheschließung verloren hatte. Mit dessen Hilfe konnte sie dann eine neue Ehe eingehen.

Vor diesem Hintergrund bemerken wir sehr schnell, dass Jesus bei den damals gültigen Traditionen nicht stehen blieb. Anhand zweier Fehlentwicklungen der Ehe, Ehebruch und Ehescheidung, wies er auf das Wesentliche der Ehe hin.

 

Vom Schwören Mt 5,33 - 37

Jesu Kommentar zum Schwören ist gleichsam eine Erklärung des 2. und 8. Gebotes, „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen“ und „Du sollst nicht falsch aussagen gegen Deinen Nächsten“. Der Eid oder Schwur, von dem Jesus spricht, beinhaltet eine Selbstverfluchung für den Fall, dass wir nicht die Wahrheit sagen. Beim gerichtlichen Eid zum Beispiel wird durch den Eid unsere Aussage verstärkt, um den Wahrheitsgehalt unserer Worte zu sichern. Das kann dadurch geschehen, dass man bei dem schwört, was einem wertvoll und heilig ist. Meist wird zur Bekräftigung das Zeugnis eines höheren Wesens, etwa einer Gottheit, angerufen.

Eidesleistungen sind uns auch aus dem Alten Testament bekannt, wo man meist etwas dadurch bekräftigte, dass man Gott zum Zeugen der Wahrheit anrief. Doch war es in Israel üblich geworden, bei jeder Gelegenheit eine Aussage eidlich zu bekräftigen, um ihr Nachdruck zu verleihen. Hinter solch einer Inflation des Eides oder des Schwures verbirgt sich meist eine Inflation der Worte. Es werden so viele Worte gemacht, dass man kaum mehr weiß, wie verlässlich eine Einzelaussage ist. Auch heute erleben wir eine Inflation von Worten.

Schwören ist das Eingeständnis unserer Schwäche. Deshalb gilt es: Euer Ja sein ein Ja, und euer Nein sei ein Nein.

 

Von der Vergeltung Mt 5,38 - 42

Das Vergeltungsgesetz, das uns aus dem Alten Testament bekannt ist, lässt uns heute daran zweifeln, ob eine „gute alte Zeit“ so gut gewesen sein könne,

wenn dort Auge für Auge und Zahn für Zahn vergolten wurde. Doch das auf Angemessenheit bedachte Vergeltungsgesetz war gegenüber der unbegrenzten Rache der Menschen untereinander ein großer Fortschritt im Leben der menschlichen Gemeinschaft. Zunächst einmal war die Rechtsgleichheit hergestellt, denn ungeachtet um wen es sich auch handelte: Wenn verschiedene Menschen Gleiches verbrechen hatten, wurden sie in gleicher Weise bestraft. Sodann wurden die Vergehen mit der Strafe verglichen, so dass man einem Übeltäter nicht mehr Schaden zufügte als er selbst angerichtet hatte.

Die Maßlosigkeit der Rache war gezähmt und Gleiches wurde mit Gleichem vergolten. Das schaffte eine gewisse Rechtssicherheit, denn der Rechtsbrecher musste sich genauso unter dieses Recht stellen wie der, dem Schaden zugefügt worden war. Die private Rache für Vergehen wurde abgeschafft, und das private Faustrecht, bei dem man sich immer vor dem Stärkeren fürchten musste, sollte der Vergangenheit angehören. Das abwägende Vergeltungsrecht ermöglichte erst das Miteinanderleben in einem Staatswesen, denn man war vor den Übergriffen anderer rechtlich abgesichert.

Allmählich zeigte sich jedoch in Israel, dass auch dieses Vergeltungsrecht nicht allen Situationen angemessen war. Obwohl es eine gewisse Rechtssicherheit brachte und man es damit begründete, dass auch Gott danach handle, denn er bestrafe den Übeltäter und belohne den, der Gutes tue, waren zur Zeit Jesu Zweifel am Vergeltungsrecht laut geworden. Zunächst erkannte das Volk Israel, dass Gott nicht unterschiedslos vergilt, sondern auch Gnade und Barmherzigkeit walten lässt. Wenn Gott nicht immer Gleiches mit Gleichem vergilt, kann unter Menschen das Vergeltungsrecht auch nicht zum unabänderlichen Grundsatz erhoben werden. So diskutierte man im Judentum, ob man die Vergeltung nicht etwa durch Geldbuße ablösen könnte. Man hatte auch bemerkt, dass beim Vergelten immer nur auf den Tatbestand gesehen wird, jedoch die Ursachen, die zu einer Tat führten, außer acht gelassen wurden.

Das Vergeltungsprinzip, in welcher Weise es auch immer eingesetzt wird, ist ein notwendiges, wenn auch zugleich unbefriedigendes Mittel, um in einer ungerechten Welt noch mehr Ungerechtigkeit zu verhindern und Gerechtigkeit zu fördern. Aber in dieser Welt, die noch unter der Herrschaft des Fürsten dieser Welt steht, befürwortet Jesus für seine Jünger ein ganz anderes Prinzip des Miteinanderlebens. Das traditionelle Prinzip soll nicht durch ein besseres ersetzt werden, sondern durch eine ganz neue Weise des Miteinanderlebens, denn Christen sollen in ihrem eigenen Leben zu Wegbereitern der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes werden.

Erst später setzte sich im Rechtsdenken der Völker auch der Gedanke nichtkörperlicher Strafen durch. Daran hat die Bergpredigt einen großen Anteil. Jesus sucht immer einen Weg der Wiederherstellung der Beziehungen. Das Gegenüber soll spüren, dass man den Menschen im Blick behält. Gewaltlosigkeit als Prinzip, sie ist weder Wehrlosigkeit noch Feigheit. Es geht um andere Formen der Auseinandersetzung: an ihre Werte appellieren, sie ad absurdum führen, die Schwächen der Starken ausnutzen, Boykott, Witz, Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit. Gewaltlosigkeit ist der Weg Jesu. Er ist aber nicht gleichbedeutend mit Wehrlosigkeit und Gewährenlassen des Unrechts.

 

Von der Nächsten- und der Feindesliebe Mt 5,43 - 48

Krönender Abschluss die ausführlichste Weisung zur Feindesliebe (5,43-48). Gottes vollkommene Liebe, die niemanden ausschließt, ist Maßstab und Motivation für das rechte Verhalten der Jünger Jesu (aller Christen).

Der Geltungsbereich der Nächstenliebe ist ausdrücklich ausgeweitet auf die Völker, die „Heiden“, die Fremden mit der Begründung: auch Gott teilt die Lebenselemente, Sonne und Regen, nicht auswählend zu. Allen gilt der Segen. Damit wird auch die Möglichkeit offen gehalten, dass sich ein Mensch, ein Volk vom Bösen zum Guten wenden vermag.

Die wirkliche Herausforderung steckt in der Ausweitung des Liebesgebotes auf die Feinde. Hier spüren wir am deutlichsten, wie schwer es ist, in die Nachfolge Jesu zu treten. Die Feindesliebe ist aber nur die Konsequenz des Beziehungsdenkens, dem gemäß niemand von den richtigen Beziehungen zu Gott und den Menschen ausgeschlossen werden kann.

Jesus erwartet, dass wir nicht nur in unserem Herzen, wo es niemand sieht, Christen sind, sondern auch mit Wort und Tat. Christen, das besagt schon der Name, sind Stellvertreter Christi. Sie sind seine Repräsentanten, die auf Erden nach seinen Leitlinien leben und sein Evangelium in Wort und Tat ihren Mitmenschen mitteilen. Ein Christ zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er die Konfrontation sucht, sondern dass er auch den nicht abschreibt, der bei einer Konfrontation nicht sofort zu ihm überläuft, sondern auf seiner Sicht der Dinge und seiner Haltung beharrt. Jesus geht sogar noch einen Schritt weiter, denn er fordert uns auf, dass wir das Wohl eines Feindes im Blick haben sollen und für die beten, die uns verfolgen.

Da wir in unserem Leben ständig neu erfahren, wie grenzenlos die Gnade und Barmherzigkeit Gottes ist, leitet diese Erfahrung dazu an, unser Leben danach auszurichten. Es soll von grenzenloser Liebe geprägt sein, die nicht nur den liebt, der uns liebt, sondern auch den, der überhaupt nicht liebenswert ist. Dabei sollen und dürfen wir nicht das im anderen lieben, was schlecht ist und berechtigt zurückgewiesen werden muss, sondern wir werden den anderen als von Gott angenommenen Menschen lieben. Dies können wir am besten am Verhalten Jesu lernen.

Jesus gestand den Feinden Gottes, also denen, die sich gegen Gottes Richtlinien vergangen haben, nicht zu, dass ihre falsche Haltung richtig sei, sondern er bezeichnete das Schlechte als schlecht und das Gute als gut. Jedoch erkannte er trotz allem Tadel auch die, die sich von Gott abgewendet hatten, immer noch als Kinder und Geschöpfe Gottes an.

 


Frömmigkeit – Almosen geben, Fasten, Beten

Almosen, Beten und Fasten sind drei Formen herkömmlicher jüdischer Frömmigkeit. Am Beispiel der „Heuchler“ stellt Matthäus Auswüchse pharisäischer Frömmigkeit dar. Der Christ soll seine Frömmigkeit nicht in äußeren Praktiken zur Schau stellen.

 

Vom Almosengeben Mt 6,1 - 4 und vom Fasten Mt 6,16 - 18

Almosengeben, Beten und Fasten: das tu um der Sache willen, nicht um des Scheines willen; tu es „im Verborgenen“. Die Bibel kannte bereits Rechte für die Armen und Fremden. Die Gemeinschaft war verantwortlich für ihre Armen. Durch verpflichtende Abgaben wurde die Versorgung gewährleistet. Jedes Jahr soll der Zehnte von allen Erträgen ausgesondert werden, als Gabe verstanden, die zu gemeinsamen Verzehr mit Bedürftigen bestimmt ist (5.Mose 14, 24-29). Alle drei Jahre soll der Zehnte in eine Armenkasse getan werden und die Bedürftigen davon zu unterhalten. Es gab kein privates Grundeigentum, sondern nur privates Nutzungsrecht. Der eindeutigste Beweis, dass das Land Gott gehört. Diese Bestimmungen sollten das jüdische Volk für alle Zeit vor dem Elend schützen.

Man soll großzügig sein, die rechte Hand soll nicht wissen, was die Linke tut. Der Beziehungsgedanke sagt hier: Beschäme die Empfänger nicht, mach sie nicht von dir abhängig und lass dich nicht herab.

 

Vom Beten: DAS VATERUNSER Mt 6,5 - 15

Dieses Grundgebet der Christenheit im zweiten Teil der Bergpredigt macht klar, dass es mit der irdischen Gerechtigkeit nicht getan ist, dass es ein Gegenüber gibt, das Hoffnung und Erlösung verheißt. Daraus bezieht die christliche Forderung, die Welt zu verändern, ihre Legitimation – und verortet die Bergpredigt als Scharnier zwischen dem Noch-nicht-Sein einer Utopie und dem Hier und heute-Sein einer politisch-ethischen Handlungsanweisung.

Zum richtigen Beten wird das Vaterunser als Gebet eingeführt. Dazu gibt es ein eigenes Kapitel innerhalb der Evangelischen Konfirmanden Dokumente. Das Vaterunser steht im Mittelpunkt der Bergpredigt. Jesus hat uns Gott als Vater erschlossen und lehrt uns mit ihm im Gebet in Beziehung zu treten. Es geht einmal um die Erfüllung der persönlichen Bedürfnisse, um die materielle Bedürfnis, die durch das Brot symbolisiert werden, aber auch um die geistigen Bedürfnisse – dem Streben nach Vergebung und Erlösung. Über die individuellen Bedürfnisse hinaus wird im Vollzug des göttlichen Willens um das soziale Heil gebeten, das im Reich Gottes seine Gestalt annimmt.

 

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Aufforderungen & Konsequenzen

Mt 7,13 - 27

 

Vom Hören zum Tun (Mt 6, 19-7,27)

Verbindende Mitte der Bergpredigt ist der Aufruf zu Entscheidung und Konsequenz. Der Hörer der Bergpredigt ist vor das klare Entweder-Oder gestellt. Wer sich für Gott entscheidet (6,19-24.33) kann vertrauen, dass er nicht zu kurz kommt (6,19-24.33); er kann sich in gelassener Sorglosigkeit für die Gottesherrschaft einsetzen.

 

Sorglosigkeit Mt 6,25 - 34

Woran hängt mein Herz am meisten? Sich darüber Rechenschaft abzulegen, das führt zu großer Selbsterkenntnis. Radikal werden hier Gott und Mammon einander gegenübergestellt. Es geht um die Sinnfrage: In was investiere ich mein Leben wirklich? Das Geben-Wollen ist die Alternative zu Haben-Wollen. Das Leben auf der Erde werden nicht durch Wachstum erhalten, sondern nur durch Achtsamkeit, Teilen und globale Gerechtigkeit. Auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben. Die Bergpredigt ist die Anweisung zum Leben: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Mt 6,33) Zu solcher verheißungsvollen Nachfolge lädt uns die Bergpredigt ein.

 

 

Die goldene Regel

Mt 7,12

Ein Christ, der sich zur Jünger-/Nachkommenschaft im Sinne der Bergpredigt entschieden hat, tut anderen, was ihnen zusteht (die goldene Regel, positiv formuliert – 7,12). In der goldenen Regel geht es darum, die Eigenliebe zum Maßstab der Nächstenliebe zu machen. Sie fokussiert den moralischen Maßstab zuerst auf das Individuum, um daraus in effizienter Weise soziales Verhalten bewerten zu können. Die goldene Regel fasst summarisch den göttlichen Willen in einer einfachen, praktischen und plausiblen Verhaltensanweisung zusammen.

 

Gleichnis vom Haus auf den Felsen Mt 7,24 - 27

Im Schlussgleichnis vom richtigen Hausbau wird noch einmal auf das Tun verwiesen. Erst im Handeln wird Hören wahr. Echte Festigkeit für unseren Lebensplan bekommen wir nur, wenn wir Jesu Wort nicht nur anhören, sondern es auch befolgen. Die Bergpredigt Jesu führte die Menschen zur Betroffenheit, weil sie einer ganz anderen Qualität der Auslegung des göttlichen Willens begegneten, als sie es sonst gewohnt waren. Durch diese Predigt wurden sie unmittelbar mit Gott und seinem Wort konfrontiert. Es gab kein Wenn und Aber oder ein Falls und Vielleicht; Jesu Rede war direkt, uneingeschränkt und in göttlicher Vollmacht.

 

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Anhang: Nachfolge und Reich Gottes

Nachfolge

Was heißt Nachfolge?

Nachfolge ist der Schlüssel zum Heil. Nachfolge heißt den bisherigen Lebensweg zu verlassen, umzukehren, um den Anspruch Jesu gerecht zu werden und zu versuchen, das Leben an dem Denken und Handeln Jesu auszurichten. Dabei werden die Anregungen und Anforderungen Jesu schöpferisch auf das eigene Leben übertragen und dort im Lebensvollzug umgesetzt.

Die Entscheidung zur Nachfolge

Nachfolge ist zuerst eine persönliche Angelegenheit. Sie setzt die persönliche Entscheidung voraus, die in völliger Selbstbestimmung vollzogen wird. Hierin kommt die Freiheit in der religiösen Orientierung des Individuums zum Ausdruck. Wenn die Entscheidung für die Nachfolge gefallen ist, gibt es eine große Bandbreite, Nachfolge zu praktizieren. Dies reicht vom enthusiastischen Aufbruch in enger Verbundenheit mit Jesus Christus bis hin zum eigenen Kreuz – dem Bewältigen von persönlichen Leid, aber auch im sozialen Engagement für benachteiligte, schwache und entrechtete Menschen.

Das A und O der Nachfolge

Nachfolge muss konsequent sein. Dies bedeutet, das Tun kompromisslos auf die Botschaft Jesu auszurichten. Und dass in der Vergangenheit praktiziertes Christentum  nicht die in ihm enthaltenen Möglichkeiten entfalten konnte, die Botschaft Jesu nur unzureichend umsetzte und so nicht nur unter Wert agierte, sondern dass Christentum sogar missbraucht wurde, hängt damit zusammen, dass mit der Nachfolge nicht konsequent Ernst gemacht wurde. Die Welt wurde nicht heil, trotz des Wirkens des Heilands. Doch durch konsequente Nachfolge wird das Erbe Jesu aufrechterhalten, lebt Jesus durch den Heiligen Geist weiter.

Nachfolgeder Weg zum Reich Gottes

Das Reich Gottes – seine Entfaltung – bedarf der Nachfolge. Je mehr Menschen die konsequente Nachfolge zum Elixiere des eigenen Lebensvollzuges machen und dabei aus der Hoffnung, die das Gottesreich vermittelt, heraus leben, desto kräftiger wird sich aus dem kleinen Senfkorn des Anfanges, der große Baum der Vollendung entwickeln. Und desto mehr wird der Sauerteig authentisch gelebten Christentums alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchwirken. Die da Jesu nachfolgen, sind das Salz der Erde, denn sie verleihen der Menschheit die Würze christlicher Gesinnung und christlichen Tuns. Und sie sind das Licht der Erde, denn ihr Zeugnis strahlt aus und mobilisiert weitere Menschen zur konsequenten Nachfolge und damit letztlich zur Mitarbeit am Reich Gottes.

Die Etappen der Nachfolge

Nachfolge ist ein Prozess, der in Etappen verläuft: Umkehr, Neugeburt oder Wiedergeburt und Heiligung. Diesen Weg zu gehen, vermittelt Lebenssinn und  Lebensglück, denn auf dem Weg zu sein bedeutet, schon im Hier und Jetzt des Heiles teilhaftig zu werden.

Umkehr – Der erste Schritt

Der erste Schritt zur Nachfolge und damit ins Gottesreich ist die Umkehr. Weitere müssen folgen. Umkehr ist die Hinwendung zum Gottesreich und gleichzeitig die Heimkehr zum eigenen Selbst. Deshalb ist Umkehr keine Buße in Sack und Asche, sondern etwas Freudiges, Erhebendes und Befreiendes. Denn Umkehr vermittelt die Überzeugung, schon auf dem richtigen Weg – dem Weg des Heils – zu sein.

Die Alternative

Was passiert aber, wenn die Menschheit das Heilsangebot Gottes nicht annehmen sollte? Jesus verweist auf die umgekommenen Zeloten und verkündet die wohl schärfste Alternative, welche die Heilige Schrift überhaupt kennt:

Ihr werdet genauso umkommen, wenn ihr euch nicht bekehrt.  Lk 13,3

Die Realität bestätigt seine Aussage: Da sind die Millionen und Abermillionen, die durch bestialische Kriege, durch sinnlosen Hunger, durch vermeidbare Krankheiten und durch hausgemachte Umweltkatastrophen in einer Welt voll des Unheils schon umgekommen sind. Und ohne Umkehr hin zum Reich Gottes werden nochmals Millionen und Abermillionen weiterer Menschen umkommen - durch neue Kriege, durch weiteren Hunger und durch epidemisch sich ausbreitende Krankheiten und durch immer gigantischere Umweltkatastrophen.

 

Der Weg

Die Annahme des Heilsangebotes jedoch bedeutet die Entscheidung für die Überwindung des herrschenden Unheils. Verkrustungen sind aufzubrechen – Selbstverständliches in Frage zu stellen.

Der Weg beginnt mit innerer Umkehr. Das griechische Wort „metanoiéte“, das Umkehr bedeutet, enthält in seinem Kern das Wort Vernunft – griechisch „nous“. Umkehr unterliegt der Vernunft und so beginnt Umkehr mit Umdenken. Es gilt, von solchen Gewohnheiten Abschied zu nehmen, die der Verwirklichung eines christlichen Lebens im Wege stehen. Und Umkehr ist kein Akt, der einmalig vollzogen werden kann. Umkehr steht immer wieder von neuem auf der Tagesordnung. Sie ist ein ständiges Bemühen, wobei ein zeitweiliger Rückfall in die gängigen Verhaltensweisen dieser auf Konkurrenz aufgebauten Welt nicht entmutigen darf.

 

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Reich Gottes

Da es Jesus in der Bergpredigt um das Reich Gottes geht, muss dieser Begriff im großen Zusammenhang von AT und NT betrachtet werden. Die Rede vom Reich Gottes beschreibt die Vorstellung im Volk Israel, dass eine Zeit bevorsteht, in der „Gott König ist“ (Richter 8,23), in der es eine Herrschaft von Menschen über Menschen nicht mehr gibt. Der Blick weitet sich über Israel hinaus auf die Völkerwelt, die einen König erwartet, der Frieden und Gerechtigkeit bringt, einen von Gott gesalbten Messias. Das Neue Testament nimmt diese Aussagen auf: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lukas 17,21).

Das Reich Gottes oder die Königsherrschaft Gottes ist im Judentum die sichtbare Herrschaftsaufrichtung JHWH's in Israel mit dem Ende von Exil und Fremdherrschaft und im Christentum der Zustand der endgültigen Erlösung der Menschheit.

 

Ursprung

Der Begriff stammt stellt ursprünglich den Fremdherrschaften im Land Israel (Babylonier, Perser, Römer) – aber auch der Gottvergessenheit Israels selbst –  die kommende sichtbare Herrschaftsaufrichtung JHWH's entgegen. Diese wird als umfassendes Gottesgericht hereinbrechen. Die Übertreter des Gesetzes und die Heiden werden bestraft und verworfen werden – die Gerechten erhalten den Zugang zum Gottesreich. Umkehrpredigt und Bußtaufe Johannes des Täufers sind noch ganz von diesem Hintergrund bestimmt.

Das „Reich Gottes” ist ein wichtiger Begriff des Alten Testaments, der später auch von Jesus aufgegriffen wird. Im AT wird der Gott der Israeliten als König gesehen, der seine Macht mit allen möglichen Mitteln durchsetzen kann. Im Neuen Testament wird das Reich Gottes zum Thema, nachdem Jesus von Johannes getauft worden ist. Als erste Botschaft verkündet Jesus, dass das Reich Gottes bald kommen werde. In der berühmten Bergpredigt bezieht er sich immer wieder darauf. Auch sämtliche Wunder dienen vor allem als Beweise für das nahende Gottesreich.

 

Im Christentum

Auch Jesus spricht in diesem Sinn vom kommenden Gottes- oder Himmelreich. Charakteristisch für ihn ist jedoch, dass die Perspektive sich umkehrt. Der göttliche Zorn tritt zurück hinter einer göttlichen Liebeszuwendung zu den Armen, Machtlosen, Ausgeschlossenen, Kranken, Sündern, Kindern und sogar Heiden (vgl. Matth. 15 21-28). Diejenigen, die nach allgemeinem Maßstab und eigener Einschätzung als wertlos und verworfen galten sind bei ihm die, die zuerst zum Gottesreich eingeladen sind: Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten (Matth. 20 16).

Außerdem behauptet Jesus, dass die Gottesherrschaft in seinem Wirken bereits anfängt (z.B. Luk. 11 20) und verschiebt den Akzent von der Zukunft auf die Gegenwart: Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht hier ist es! oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch. (Evangelium des Lukas 17 20-21).

Jesus von Nazaret hat nach den Evangelien des Neuen Testaments das Reich Gottes als „nahe herbeigekommen“ (Mk 1,15) verkündet und diese Botschaft auf vielfältige Weise veranschaulicht: etwa in Heilungswundern, Gleichnissen und Lehrreden wie der Bergpredigt. Damit hat er für das Urchristentum die Zukunftsverheißungen der biblischen Propheten (z.B. Jes 25,8 oder Dan 7) ultimativ bekräftigt (z.B. Offb 21,4). Dabei zeigt sich, dass sich schon bei Daniel 7 das Kommen des Reiches auf den Menschensohn bezieht, weil mit dem Menschensohn eine Gesellschaft gemeint ist, und zwar eine Gesellschaft, der von Gott für immer die Basileia, also die Herrschaft, das Königtum, das Reich gegeben wird.

Für Juden und Christen bezeichnet Gottes Reich eine Welt, in der Gottes Wille geschieht, der alles Böse überwunden und alle Schuld vergeben hat, so dass Leid, Schmerz und Tod ein Ende haben. Nicht erst im Jenseits, sondern bereits hier auf Erden soll dieses Reich Gestalt annehmen. Für Christen sind Wirken, Tod und Auferstehung Jesu Christi der entscheidende Anfang dieses Reiches, sein Einbruch in die gottfeindliche Welt.

Mit der Bergpredigt wird den Menschen, die seinem Reich angehören, die ethische Grundlage für ihr Handeln an die Hand gegeben. Sie ist Vision, Verheißung und Wegleitung zugleich. Allerdings ist Gott der Aktive, der den Menschen die Möglichkeit der Mitgestaltung an diesem Reich gibt. Dein Reich komme meint deshalb einen radikalen Herrschaftswechsel. Denn die Vaterunserbitte fleht darum, dass Gott jetzt eingreift. Dass er Herr wird, und wir ihn Herr sein lassen („dein Wille geschehe“). Dass er sein Volk neu sammelt und heiligt, damit über sein Volk die Erde ins Heil kommt.

 

Und dies sind 15 Merkmale des Reich Gottes:

Liebe bestimmt die Beziehungen im Reich Gottes

  • Das Reich Gottes ist ein Reich der Gerechtigkeit
  • Im Reich Gottes herrscht Frieden
  • Barmherzigkeit durchdringt das Reich Gottes
  • Das Reich Gottes gedeiht durch die Gnade Gottes
  • Glaube ist das Fundament des Reich Gottes
  • Jesus verkündete das Evangelium des Reich Gottes
  • Das Reich Gottes beginnt mit Jesus
  • Die Gleichnisse Jesu charakterisieren das Reich Gottes
  • Die Bergpredigt ist die Ethik des Reich Gottes
  • Das Reich Gottes entwickelt sich durch konsequente Nachfolge
  • Das Reich Gottes beginnt mit der  Umkehr
  • Das Reich Gottes verlangt nach Neugeburt
  • Das Reich Gottes findet mit der Heiligung seine Vollendung

 

Die nachösterliche christliche Verkündigung knüpfte hier an. Durch Tod und Auferstehung Christi ist der glaubende Mensch bereits erlöst und befindet sich im Zustand der Naherwartung des Reiches Gottes (Parusie). Der gekreuzigte und auferstandene Herr ist die „Gottesherrschaft in Person“. Der Mensch der sich ihm öffnet und sein Kreuz teilt ist eins mit Gott und der Liebe und verändert seine Maßstäbe (s. Bergpredigt). Das Kommen des Reiches Gottes und die die daran mitwirken besiegen Sorgen und Leid, Krieg und Hass schon jetzt und vollkommen am Ende aller Tage.

 

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Literatur

 

Bibel – Luther-Übersetzung, Stuttgart 1999

Betz, Otto u.a. (Hg) – Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2006

Lohfink, Gerhard – Das Vaterunser neu ausgelegt, Stuttgart 2012

Schockenhoff, Eberhard – Die Bergpredigt: Aufruf zum Christsein, 2014

Theißen, Gerd – Die Religion der ersten Christen: Eine Theorie des Urchristentums, Gütersloh 2001

Thönnes, Dietmar – Die Bergpredigt den Kindern erzählt, 2009

Wartenberg-Potter, Bärbel – Wes Brot ich ess, des Lied ich sing, Breisgau 2007

Wieland, Wolfgang – Jetzt verstehe ich die Bergpredigt, 2009

 Wolf, Eberhard – Die Bergpredigt: eine Interpretation in Bilder der Gegenwart, München, 2009

 

im Internet:

http://de.wikipedia.org/wiki/Bergpredigt

http://de.wikipedia.org/wiki/Reich_Gottes

 

 

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